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Buchrezension: "Erinnerungen an den Krieg"

Aus Newscontex

Buchvorstellung "Erinnerungen an den Krieg" (russ. "Воспоминания о войне"), Nikolai Nikulin

Über kaum ein anderes historisches Thema wurde mehr geschrieben als über den Zweiten Weltkrieg. Sachbücher, Romane, Dokumentationen, Zeitzeugenberichte, Tagebücher. Kann da ein weiteres Buch überhaupt noch Beachtung finden? Insbesondere eines, das vor mehr als vierzig Jahren 1975 geschrieben wurde? Von einem ehemaligen sowjetischen Soldaten?

Sowjetischer Aufklärungstrupp in Tarnanzügen, Leningrader Blockade 1942

Sowjetischer Aufklärungstrupp in Tarnanzügen, Leningrader Blockade 1942
RIA Novosti archive, image #62126 / Boris Kudoyarov / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0, [1]

Russische und insbesondere sowjetische Darstellung des "Großen Vaterländischen Krieges" ist nicht immer unvoreingenommen. Das Volk, das in diesem Vernichtungskrieg mindestens 20 Millionen Bürger verlor, ist in der Erinnerung an das Blutvergießen vor über 70 Jahren bis heute mit Emotionen verbunden. Es gab kaum eine Familie, die im Wirren des Kriegs nicht auseinandergerissen wurde, die nicht ein Mitglied verlor. Auch wenn kaum ein Zeitzeuge aus dieser Zeit noch am Leben ist, wird die Erinnerung in den Nachfolgegenerationen wachgehalten. Sie wird ausgelebt in pompösen militärischen Siegesfeiern, verarbeitet in Film und Literatur. Aber sind es noch Erinnerungen oder driftete sie allmählich ins Reich der Mythen ab, bekräftigt durch die damalige kommunistische Staatsführung, die die UdSSR zu 100 Prozent in der Opferrolle sehen wollte. Das Buch des russischen Kunsthistorikers und Malereispezialisten der nordeuropäischen Renaissance an der Sankt Petersburger Eremitage Nikolai Nikulin, der an den härtesten Schlachten des Zweiten Weltkriegs als Fußsoldat teilgenommen hat, bricht mit den sowjetisch-russischen Traditionen des Hurra-Patriotismus. Die "Erinnerungen an den Krieg" entstanden in den 1970er Jahren als persönliche Aufzeichnungen, die der Autor aus dem Trieb, die Gräuel des Krieges verarbeiten zu wollen, für sich niedergeschrieben hat. Veröffentlicht wurden seine Aufzeichnungen erst im Jahr 2007, zwei Jahre vor seinem Tod.

Was macht dieses Buch einzigartig? Zum einen ist es die dokumentarische Nähe, die Nikulin in einfachen Worten, klaren Sätzen und Formulierungen beim Leser zu schaffen vermag. Er schafft eine Nähe, die Brutalität und Irrsinn des Krieges in ihrer reinsten kafkaesker Form in wenigen Sätzen beim Leser zu erzeugen. Die im Buch beschriebenen Gemetzel erinnern an Fragmente der prämierten Hollywoodfilme wie Soldat James Ryan und Enemy at the Gates. Ohne Pathos, ohne den in Russland so üblichen patriotisch gefärbten Heroismus. Am Krieg gäbe es nichts Gutes, und die meisten Opfer, die das sowjetische Volk zu beklagen hatte, verdankte es der Unfähigkeit seiner Führung.

"Das Durcheinander, Verwirrung, nicht zu Ende ausgeführte Arbeit, Augenwischerei, Verantwortungslosigkeit – alles Eigenschaften, die uns in Friedenszeiten so eigen sind, kommen im Krieg deutlicher wie nirgendwo sonst zutage. Und dafür gibt es einen Preis - Blut. Die Iwans gehen in Sturmangriff und sterben, und derjenige, der im Verborgenen hockt, treibt sie weiter und weiter nach vorn. Auf eine wundersame Art unterscheiden sich die Psychologie des Menschen, der in die Attacke geht und jenen, der diese Attacke beobachtet. Wenn man selbst nicht sterben muss, erscheint alles so einfach: nach vorn und nochmals nach vorn!"

Zum anderen, was das Buch lesenswert macht, ist es die sanfte, sympathische Art des Autors, der einen Teil seiner Jugend im menschlichen Schlachthaus dieses Krieges verbracht hat, ohne jedoch sein menschliches Antlitz verloren zu haben. Seine klarer, ruhiger Erzählton ist stets um eine objektive Darstellung der Geschehnisse bemüht, sofern es menschlich möglich ist. Nikulin schreibt: "Als ich das Manuskript viele Jahre nach seiner Entstehung las, war ich verwundert über die solch sanfte Beschreibung der Kriegsgeschehnisse. Die Schrecken des Krieges sind darin relativiert, die grauenvollsten Episoden gar nicht erwähnt."

Leider gibt es dieses Buch nur in russischer Sprache. Ich empfehle es wärmsten allen, die Russisch verstehen und lesen können, und besonders all jenen, die in der Sowjetunion oder Russland geboren wurden.