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Corona, Solidarität, Verschwörungstheorien…

Aus Newscontex

Wie Verschwörungstheorien die Gesellschaft unterwandern.

Ich bin kein großer Freund von Facebook und anderen sozialen Medien. Den ganzen Hype um diese Plattformen kann ich nicht verstehen. Vielleicht deshalb nicht, weil ich damals das Internet mit Google und Wikipedia entdeckte. Lange vor der Erfindung von Likes und Fake News. Und eine Information von einer Sensation konnte ich bereits im analogen Zeitalter unterscheiden. Neulich landete ich beim Stöbern auf die Facebook-Seite eines … sagen wir mal … Typen, den ich schon vorher nicht besonders mochte. Die Posts, die ich dort sah, versetzten mich, gelinde gesagt, in Aufregung.

Der Weg aus der Pandemie geht nur mit einem Impfstoff.
Bild: U.S. Secretary of Defense (Creative Commons license)

In Anbetracht der Corona-Krise und dem Twitter-Volkssprachrohr einiger polarisierender Politiker ist die Stimmung in der Welt sehr angeheizt. Die Lockdowns, Ausgangssperren und bedrohte Existenzen wecken Zukunftsängste und zerren an Nerven. Menschen wollen nicht eingesperrt werden. Sie brauchen Bewegungsfreiheit, wollen ausgehen, reisen, sich mit Freunden und Verwandten treffen, das Leben genießen. Das geht in der Pandemie aber nicht. Stattdessen müssen alle Masken tragen und wochenlang seine Partner und Kinder um sich ertragen. Auf engstem Raum ohne Abwechslungsmöglichkeit. Das kann zu Problemen in der Beziehung führen oder vorhandene Probleme noch weiter verschärfen. Die Menschen haben Corona satt. Das ist verständlich. Menschen sind verunsichert und verzweifelt. Und sie suchen nach Lösungen. Leider oft am falschen Ort.

Das Phänomen Verschwörungstheorien gab es auch früher. Aus Verschwörungsmythen entstand nicht nur der Antisemitismus, sondern ging auch ein Reich hervor, der die Welt des 20. Jahrhunderts in eine Katastrophe führte. Was Hitler damals dank seines Rednertalents, der neuen Rundfunktechnik und der Überzeugungskraft seines Propagandaministers mit größter Anstrengung erreichen konnte, schaffen es Start-ups aus Silicon Valley mit Leichtigkeit. Im Nu gelingt es autokratisch gesinnten Personen wie Donald Trump Gleichgesinnte um sich zu scharen und die Stimmung mit ein, zwei Posts anzuheizen. Und die neureichen, linksliberalen Gründer der Netzwerke sehen sich dabei noch als Weltverbesserer. Eine schöne, neue Welt, die sie schufen. Doch zurück zu Corona und den Facebook-Postings, über die ich stolperte.

Dass der besagte Typ keine Leuchte war, wusste ich schon vorher. Platte Witze, bunte Bildchen und plakative Unmutsbekundungen á la: Pflegeversicherung ohne Pflege, GEZ für schlechtes TV und Steuern für “machtgeile Politiker” schmücken sein Facebook-Profil. Postings mit Kätzchen und sonstigen Pelztieren dazwischen runden seinen Interessenshorizont ab. Mit dem Beginn der Corona-Pandemie kann man stufenweise eine Wandlung von einem bildungsfernen Trottel in einen überzeugten Corona-Leugner beobachten. Überall zusammengetragenes Material von angeblichen Enthüllungen wie Corona sei nichts anderes als Grippe, Gesichtsmasken würden vor dem Virus nicht schützen (auch nicht FFP2-Masken), Lockdown sei ein verbotener Eingriff in die Persönlichkeitsrechte und natürlich … Impfungen sind mal schädlich, mal tödlich, mal nutzlos.

Als Beweis wird die Rede des "Propheten" Muammar al-Gaddafi bei der 64. UN-Vollversammlung in New York präsentiert: "sie würden eigene Viren erschaffen und dazu das Gegenmittel verkaufen". Und dazwischen immer wieder deutsche Politiker von Spahn bis Merkel mit umgedrehten oder aus dem Zusammenhang herausgerissenen Zitaten, die ihre Böswilligkeit, Machtgier und Profit unter Beweis stellen sollen. Die mächtigen und Reichen würden von der Pandemie profitieren. Sie erzeugten sie gar künstlich, indem sie das Virus in die Welt setzten. Und mit den Impfungen wollen sie die Weltbevölkerung dezimieren.

Ekelhaft!!! Wie kann man nur eine Sekunde an solch ein Sammelsurium von Unsinn einen ernsthaften Gedanken verschwenden?! Was denken sich solche Menschen dabei? Eigene Intentionen und insgeheime Wünsche von Machtmissbrauch und Gier auf politische Führung übertragen? Nach dem Motto: Was ich selber lass und tue, das traue ich jedem anderen zu?!

Lasst uns doch eines klarstellen: Wir haben eine globale Pandemie in der Welt. Historisch betrachtet ist es nicht die erste und wird nicht die letzte bleiben. Vor 100 Jahren hatten wir die Spanische Grippe. Davor gab es etliche andere. Von Masern und Tuberkulose bis zur Pest. Die Menschen hatten es früher auch nicht einfacher. Im Gegensatz zu früher haben wir heute eine mächtige Waffe im Kampf gegen die Seuche – und das sind die Schutzimpfungen. Zum anderen wissen wir, dass für Seuchen Erreger wie Viren oder Bakterien verantwortlich sind. Und nicht die Strafe Gottes oder 5G-Masten. Um die Ansteckung vorzubeugen müssen Menschen nun mal die Möglichkeiten einer potentiellen Übertragung reduzieren. Sprich – Kontakte einschränken. Punkt. Das gefällt niemandem, aber es ist notwendig. Und die einzige Waffe gegen den Erreger – abgesehen von einer natürlichen Durchseuchung der Population und damit verbundenen Sterberaten – ist Schutzimpfung. Statt Unsinn zu verbreiten, sollten wir der modernen Medizin für ihre Möglichkeiten dankbar sein. Alles andere oder gar das Gegenteil zu behaupten ist Ignoranz und gefährlicher Unsinn! Schutzimpfungen halfen der Menschheit, viele gefährliche Krankheiten auszurotten, die man heutzutage als harmlose Kinderkrankheiten abtut. Früher starben Kinder daran oder hatten ernsthafte Spätfolgen. Das waren menschliche Schicksale, Schmerz und Leid. Das einfach abzutun und Masern-Partys zu feiern ist schon ignorant genug.

Der Dummheit oder einer verpassten Bildung in jungen Jahren kann man schlecht entgegensteuern. Hartgesottene Corona-Leugner, Impfkritiker oder Reichsbürger sind nicht mehr vom Gegenteil zu überzeugen. Wofür die Politik verantwortlich gemacht werden kann, dann für diese Bildunglücke, die die Entstehung von so einem Gedankengut ermöglichte. Und wenn Corona-Pandemie mittelfristig vorbei sein wird, sollte man alles daransetzen, in den Schulen nicht nur das Lesen und Grundrechenarten zu lehren, sondern Wissenschaftsverständnis und Säulen der Gesellschaft festigen, wie wir sie uns vorstellen und wünschen.